marco dessardo, sculptor
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Laudatio zur Ausstellung

Marco Dessardo. Extend

26.9.2015 bis 15.11.2015

Neuer Worpsweder Kunstverein

Meine Damen und Herren... ich möchte behaupten, wir kennen es alle; haben es bereits unzählige Male in uns aufkommen spüren - haben ihre verlockenden Rufe vernommen, erhört und waren ihr vermutlich nicht nur einmal erlegen. Es gibt viele Gründe für dieses Phänomen: Abenteuerlust, Wunsch nach Austausch, Ausbruch aus den gewohnten Strukturen... Es ist eine Metapher für unser Leben - es, das Reisen, die Sehnsucht nach der Ferne und Neuem.

Mexiko, China, Kuba, Korea, Japan, Lapland, Niederlande, Deutschland. Dorthin, um nur einige wenige Orte zu nenennen, reiste und reist Marco Dessardo. Während sich aber der Durschnittsreisende normalerweise am Pool bzw. am Strand in der Sonne räkelt oder sich auf die lokalen, kulturellen Höhepunkte stürzt, liegt Marco Dessardos Interessensschwerpunkt an anderer Stelle. Zumeist beginnt bei ihm das Ankommen an einem dieser Orte mit einer Zeit des beobachtenden Umherwandelns ohne einer festen Zielvorgabe - und zumeist endet ein solcher Aufenthalt mit Gebilden aus Bambus, Rohren, Granit, Marmor, Wasserläufen, Kakteen oder anderen gebrauchten Fundstücken. Diese Setzungen sind Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten vor Ort - mit dem Schönen aber auch mit den Ecken und Kanten. Es gilt also festzuhalten: Fernab von jeglicher romantischen oder sentimentalen Färbung spielt das Unterwegssein für das künstlerische Schaffen Marco Dessardos eine wichtige Rolle.

Das Arbeiten vor Ort gehört zu seiner Strategie, die vornehmlich auf zwei Prinzipien beruht: Es geht um den intensiven Arbeitsprozess, der Offenheit, Spontaneität ebenso wie Konzentration und räumliches Vorstellungsvermögen erfordert. Und es geht um Selbstbeschränkung. D.h. Marco Dessardo begibt sich bewusst und immer wieder in Situationen hinein, in denen er sich einen zeitlichen und räumlichen Rahmen setzt. Innerhalb dieses Rahmens kann er mit einer kleinen Auswahl von mitgebrachten Materialien und Werkzeugen die Möglichkeiten des Ortes erkunden und sie mit ihm in einen Dialog stellen. Konkret bedeutet das in diesem Fall: Der Ausstellungsraum des Neuen Kunstverein Worpswede stellt den Rahmen dar. ... Und dieser war zu Beginn vor allem eines: LEER.

Was kann man also mit der Leere im Raum anfangen?
Das Ausstellungssystem im Allgemeinen will diese Leere: Sie ist ein bewusst inszeniertes Element. Die äußere Welt, das Alltägliche wird nicht hereingelassen. Sehen Sie - auch dieser Ausstellungsraum wurde nach diesem Prinzip konzipiert - die Wände sind in einem (vermeintlich) "neutralen" Weiß getüncht und der Teppichboden unter unseren Füßen schluckt jedes Geräusch! Als der ideale Ausstellungsraum gilt seit Beginn des 20. Jahrhunderts der White Cube - eine weiße Zelle: Schattenlos, weiß und clean. Abgeschottet von Zeit und Raum können wir als Betrachter mit Auge und Geist in die Bildwelten eintauchen. "Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, das es `Kunst ́ ist, stören könnten. Sie schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt.1", so brachte es einmal der irisch-amerikanische Künstler Brian O ́Doherty auf den Punkt.

Aber Marco Dessardos Blick sucht gerade mit der Einfachheit seiner Mittel diesen "Kultraum der Ästhetik" ins Schwanken zu bringen, seine Cleanness zu unterlaufen. Seine Blicke bewegen - verändern - verwandeln: So bewirkt er durch kleine, aber effektive Eingriffe, dass gewöhnlichen Dinge um uns herum plötzlich einen neuen Anstrich mit kreativen Impulsen erhalten. Und so erweitert er die Fragestellung in Bezug auf die Leere in diesem Sinne: Was können wir in dieser Leere entdecken, 1 O ́Doherty, Brian: In der weißen Zelle - Inside the White Cube, S.9 woran ursprünglich die Ausstellungsarchitektur nicht gedacht hat? Was ist mit der Geländerstange auf der Galerie - besitzt sie nicht an sich schon skulpturale Qualitäten? Und bietet der Raum nicht ein Volumen, dessen Potential es einmal richtig auszuloten gilt? Im Wesentlichen ist für ihn der Raum das, was für den traditionellen Bildhauer der Marmorblock ist. Will der eine seinen Marmorblock bearbeiten, so muss er erst seine Form und Beschaffenheit begreifen, um zu verstehen, welche Möglichkeiten in ihm stecken - dementsprechend geht auch Marco Dessardo vor, nur schlägt er eben keine Steinmasse ab, sondern fügt ein paar wenige Gegenstände hinzu, um die Besonderheiten dieses Raumes hervorzuheben.

Was bewirken also seine Eingriffe konkret? Wenden wir uns beispielsweise der bereits erwähnten Galeriestange zu.

Neben diesem fest instalierten Element im Raum sehen wir nun auch noch weitere Stangenelemente: Holzleisten, in leichter Krümmung über dem Boden - schief, kreuz und quer durch den Raum weisend! Sie scheinen alles zu machen, sich nur nicht an die feste Raumordnung der rechten Winkel und die raumteilende Funktion der Stange zu halten. Genau betrachtet entwickelt sich hier ein abstraktes dreidimesionales Liniengefüge, dass an eine Zeichnung im Raum erinnert. Je nachdem welche Perspektive wir als Betrachter einnehmen, kann dabei die Statik schon mal ins Wanken geraten: Ein Phänomen, das wir visuell als auch körperlich zu vernehmen vermögen.

Und ganz nebenbei schleicht sich hier noch ein fast gegenständlicher, erzählerischer Aspekt mit ein: Das Tuch im Windhauch des Ventilators... vielleicht eine Anspielung auf ein Segelboot.

Die Galerie ein Schiff und die besagte Stange eine Reling, von der wir Ausschau halten können! Aber wer steuert und wohin soll die Reise gehen?
Nichts wird hier auf einen Sockel gehoben! An keiner Stelle lässt sich behaupten, das ist nun die wichtigste Hauptachse, von der aus wir das Werk als Ganzes in den Blick bekommen. Im Gegenteil: Die Standpunktfrage und die vielschichtigen Zugangsbedingungen, die wir Betrachter in diesem temporären Setting angeboten bekommen, entsprechen der Poetik eines offenen Kunstwerks. D.h. Das Werk lässt sich nicht aus einer fixierten Perspektive heraus allein mit dem Auge erfassen. Vielmehr kann Ganzheit nur prozessual erschlossen werden - und zwar mit unserem Körper, mit unserer eigenen Bewegung durch den Raum.

Das Werk ist der reale Raum mit allem drum und dran - auch wir sind ein Teil davon. Das Ensemble besteht aus einem "In-ein-Verhältnis-setzen". Und eine gewisse Nähe zu Werken der Minimal-Art der 1960er Jahre lässt sich nicht übersehen. Was ist Skulptur? - Form, Volumen, Farbe, Oberfläche - das alles ist bereits etwas, was sollte man diesen Qualitäten noch hinzufügen wollen? Was ist die Funktion einer Skulptur? - Sie soll Raum ergreifen und halten. Diese Ideen, die die amerikanischen Künstler Carl Andre und Donald Judd vor knapp 50 Jahren entwickelt haben, leben im Werk von Marco Dessardo fort.

Doch Vorsicht! Lassen wir uns einmal auf die Raumsituation ein, sind aufkommende Zweifel vorprogrammiert und wir verlassen dann die minimalistische Spur. Denn Marco Dessardo bricht mit den festen und als gesichert betrachteten Vorstellungen über High and Low...

Was macht Kunst zur Kunst? Wo fängt das Werk an?
Eine Stehlampe, eine Steckdose, ein Autoreifen und ein Stück Holz... alles Gegenstände, die wir in jedem Baummarkt und in fast jedem Haushalt vorfinden können. Die Affinität zu alltäglichen, ja schon beinah banalen Gegenständen, teilt er sich mit den italienischen Künstlern der Arte Povera. Es ist, was es ist. Und doch ist es auch noch ein bisschen mehr. Alles steht miteinander in Verbindung - in diesem Bezugssystem Raum - Werk - Betrachter. Und alles besitzt - möchte ich behaupten - eine sinnliche Präsenz.

Von der Stehlampe angefangen, die in Realtion zu unserem eigenen Körper steht, hin zur diagonalen Holzleiste, bis zur Raumecke und von dort im rechten Winkel als Schattenlinie zur unteren Wandmitte, wo sich die Steckdose befindet. Die Objekte, die Schatten - das ist eine Komposition an der Wand, ein Wandbild.
Mit den Setzungen im Raum führt Marco Dessardo ganz nebenbei die ansonsten angestrebte Neutralität einer Ausstellungsfläche ad absurdum. Eine Steckdose ist eine Steckdose - auch wenn sie weiß ist - ist sie eine Steckdose. Manchem war und ist sie im White Cube ein Dorn im Auge, Marco Dessardo aber integriert den vermeintlichen Störfaktor als ein Teil vom Ganzen in sein Werk.

Diese subtile Art von Humor, die nicht ganz frei von Institutionskritik ist, scheint des öfteren in seinem Werk auf. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang noch das Licht- und Schattenspiel: Spots tauchen im klassischen Ausstellungsraum Bedeutendes ins Helle und Nichtigkeiten verschwinden im Dunkeln. Doch hier scheinen solche Regeln auf dem Kopf gestellt zu sein. Damit wird die Decke ebenso zum Display wie die Wände und der Boden.

Worüber ich noch nicht gesprochen habe ist der Subtext.; der vom unteren Stockwerk aus eine Parallelerzählung entwickelt. Im bewegten Bild wird eine Geschichte erzählt, in dem Detailaufnahmen aus der Ausstellung neben Szenen geschnitten sind, auf denen wir den Künster in einem kleinen "Segelkanu" fahren sehen. Romantisch? Große Wellen, kleines Boot - im Hintergrund sehen wir Brake mit seinem sicheren und rettenden Ufer. "Ich bin verzweifelt, ich würde gerne segeln" - nur ein Satz, der mit viel Ironie doch so vieles aussagt. Das Streben nach Freiheit versinkt im Konjunktiv, die Sehnsüchte und Träume werden von seinen Ängsten und Zweifeln am Boden gehalten. Oder ist es gar nicht er selbst, der sich daran hindert, zu tun, was er will? Was hält uns davon ab, einfach loszusegeln - hinaus, über den Horizont?

Fassen wir abschließend Gesagtes noch einmal zusammen: Marco Dessardo bespielt den weißen Ausstellungsraum, verlängert und potenziert seine räumliche wie sinnliche Präsenz. Gleichermaßen untergräbt er aber auch mit humorvollen Griffen dessen mächtige Sphäre. Es geht um das Aufbrechen im doppelten Sinn: Steigen wir in das Werk Marco Dessardos ein, dann bereisen wir nicht nur mit unserem Geist sondern auch mit unserem Körper sein hier verwirklichtes Ideenland. Und vielleicht bekommt dann der Ausspruch "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" im Hier und Jetzt eine tiefere Bedeutung. Denn offenbar liegt Abenteurliches nicht allein in der Ferne. Aus den gewohnten Denkstrukturen ausbrechen können wir hier vor Ort, in Worpswede. In diesen vier Wänden. EXTEND - der Ausstellungstitel verweist nicht allein auf die Rauminstallation. Vielmehr ist damit auch gemeint: Wer verstehen, wer erleben will, der muss seine eigenen Grenzen im Kopf öffnen und mit allen seinen Sinnen sich im und durch den Raum bzw. durch die Welt bewegen. Darum nun definitiv Schluß mit all den vielen Worten. Nur noch das eine: VIEL VERGNÜGEN UND GUTE REISE!

Meike Su



Extend  (Worpswede, Germany map - 2015)
17 x 14 x 6 m, wood, fan, rope, dracon, plastic, pump, iron, and rubber
Movie 1: Desperate of sailing (1 mn) 
Extend  Worpswede, Germany  2015
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